9. März  – 7. April 2013

Eröffnung: 8. März 2013

 

Marz_e Por Gohar
Rauminstallation, Maße variabel

Holzkasten mit gestohlenen Flaggen,
2 Leuchtkästen, Fotografien,
Stoffe, Folien, Aufkleber, Arbeitstisch, Stühle, Bastelmaterial
2013

 

Ausstellungsansicht 1 Bahar Taheri Ausstellungsansicht 2 Bahar Taheri Ausstellungsansicht 3 Bahar Taheri

 

 Yeki bood, yeki nabood… – Es gab einen, es gab keinen…; mit dieser Phrase beginnen Märchen im Persischen. Man könnte auch sagen „Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht.“. Direkt zu Anfang stellt der Märchenerzähler den Wahrheitsgehalt der Geschichte in Frage, anders als im Deutschen, wo der Erzähler mit „Es war einmal vor langer Zeit“ seine Geschichte tief in der Vergangenheit platziert. Vielleicht sei es besser, erklärt nun dieser Geschichtenerzähler, die Geschichte über Ey Iran gar nicht zu lesen; Marz_e Por Gohar… – um nicht auf die falsche Fährte gelockt zu werden, nicht die Vergangenheit in Frage zu stellen und abwegige Parallelen zwischen Iran und Deutschland zu ziehen.

Wörtlich übersetzt heißt Ey Iran, Marz_e Por Gohar in etwa:  Oh Iran, Land voller Schätze. So beginnt die erste Strophe einer Marschmusik, die sich erstaunlicher Weise in das kollektive Gedächtnis des iranischen Volkes eingebrannt hat. Komponiert wurde sie 1944 während des Zweiten Weltkrieges. Der Iran war von Amerikanern, Briten und Sowjets besetzt, ein Spielball der Großmächte. Es regierte Schah Mohammad Reza Pahlavi, der König, ein guter Freund des Westens. Vom Westen wurde er schließlich 1979 fallen gelassen, als das Volk aufbegehrte. Eine Revolution fand statt, Islamisten konnten das Machtvakuum nutzen. Am Ende errichteten sie unter Ajatollah Chomeini die bis heute andauernde Islamische Republik Iran.
1980, ein Jahr nach der Revolution und Geburtsjahr von Bahar Taheri, griff der Irak unter Saddam Hussein, dem neuen Freund des Westens, den Iran an. Der Krieg sollte acht Jahre dauern. Normalität habe ihre Generation nie erlebt, erklärt die Künstlerin. Und das iranische Volk, die Menschen, sie sind die ewigen Statisten der Weltgeschichte. Es bleibt ihnen ein vor Patriotismus strotzendes Lied, das sich weder vom Schah noch von den Islamisten instrumentalisieren ließ. Land voller Geschichte, vielleicht könnte die Ausstellung von Bahar Taheri auch so heißen. Ihre Zeitmarken fließen im Raum des FAK zusammen. Die Insignie der monarchistischen Macht – die Krone, die Insignie des Nationalismus – die Flagge, sind solche zeitlichen Artefakte eines Landes, dessen Einwohner auch nichts anderes wollen als Freiheit und Frieden.
Will die Künstlerin denn auf den wahren Patriotismus aufmerksam machen? „Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, die vielleicht keine klare Vorstellung von der iranischen Flagge haben, könnten wie die dominanten Außenstehenden, die schon immer Einfluss auf den Wandel der Geschichte in meinem Heimatland ausübten, handeln.“ erklärt die Künstlerin.
So kommt der Lauf der Geschichte des Irans hier in Deutschland zusammen. Ein Deutschland, das vielleicht ohne den Iran ein anderes wäre. Denn möglicherweise wäre Benno Ohnesorg nicht erschossen worden, wäre der Schah damals nicht nach Deutschland gereist und hätte die deutsche Bundesregierung den Schah damals nicht so gestützt.
Vielleicht gäbe es die 68er Bewegung in dieser Form nicht und die RAF wäre nicht als terroristische Organisation entstanden. Hätten Gerhard Richter, Sigmar Polke, Kippenberger, Fassbinder, Böll dann jemals so ein Werk geschaffen und Bekanntheit erlangt? Vielleicht vergessen wir die einfachen Erklärungen, vergessen wir Marz_e Por Gohar, eine Nationalhymne, die offiziell nie eine war, vergessen wir den scheinbaren Patriotismus. Vielleicht finden wir in der Rauminstallation von Bahar Taheri die universellen Fragen der Kunst: Was sind wir, die wir sind? Wer hat die Deutungshoheit über Geschichte? Lässt sich Kunst instrumentalisieren? Wo ist die Freiheit, wo ist die Freiheit? Um mit Roberto Rossellini zu schließen:
„Immer in dir selber, in keinem System, in keiner Ideologie, nur im Erkennen der Realität“.

 

Ausstellungsansicht 4 Bahar Taheri

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