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Die zweite Ausstellung des Kuratorenduos Claudia Rinke und Thomas Hensolt bringt zwei Kölner Künstlerinnen zusammen, deren Arbeitsweise auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnte. Während Nora Schattauer bereits seit mehreren Jahren ausschließlich mit in Wasser gelösten mineralischen Salzen auf Papier experimentiert, widmet sich Nico Joana Weber vor allem der Videokunst. Dennoch gibt es bei den beiden Frauen Überschneidungen innerhalb ihres Oeuvres.
In der aktuellen Ausstellung steht die fortwährende Auseinandersetzung mit Form, Natur und menschlichem Eingreifen im Vordergrund. Für ihre Arbeit „Unstable Landscape“ reiste Weber 2014 nach Südamerika und untersuchte dort die Zusammenhänge von Mensch, Natur und Architektur, die sie zu einem filmischen Essay verarbeitete und nun erstmals in Münster präsentiert. Den Ausgangspunkt hierfür bildete die1953 von Le Corbusier entworfene Casa Curutchet in La Plata (Argentinien). Dem Wunsch des Architekten folgend, wurde inmitten des Gebäudes ein Baum gepflanzt, der über die Jahrzehnte mit der Architektur verschmelzen und eine Einheit bilden und eine Verbindung zu dem, vor dem Haus liegenden Park schaffe sollte. Sorgsam tastet Weber mit der Kamera Architektur und Natur ab, dananch folgen Aufnahmen von öffentlichen Parks, Grünflächen und Plätzen in Buenos Aires. Auch hier zeigt sich eine Vegetation, die maßgeblich von den Vorstellungen und Reglementierungen des Menschen bestimmt ist. Entlang ausgewählter Orte führt der Film den Betrachter aus dem gemäßigten Klima Argentiniens in Richtung des Amazonasurwaldes in Brasilien. Kurze Luftaufnahmen aus dem Flugzeug zeigen den jeweiligen Ortswechsel an und lassen den Betrachter einen Eindruck von den Dimensionen der Städte und deren Auswüchse in die Landschaft bekommen. Neben den geplanten und reglementierten Bepflanzungen zeigt Nico Joana Weber auch Orte, an denen sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert: Bäume sprengen mit ihren Wurzeln Bodenplatten, Ranggewächse wachsen über die Fassaden verlassener Häuser in Manaus, Brasilien. Es ist das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Kontrollverlust über die Natur, dem die Künstlerin in ihrem Film nachgeht.
Auch die Werke von Nora Schattauer sind ein ständiges Wechselspiel von Zufall und Kontrolle, vom Eingreifen der Künstlerin und den spezifischen Eigenschaften der verwendeten Materialien, die sich nur bedingt steuern lassen. Nur durch die Zugabe von Ammonium Chlorid, Ammonium Phosphat oder Natrium Carbonat kann sie deren Farbigkeit, Fließ- und Trocknungseigenschaften verändern. Mit der Pipette oder dem Faserstift bringt Schattauer die farblosen Flüssigkeiten aufs Papier und formt aus Kreisen bzw. Tropfen stellenweise komplizierten Muster, formt Waben und Netze oder an Zellen erinnernde Gebilde aus. Während des Trocknungsprozesses verändern sich die Farben, verbinden sich die Tropfen oder stoßen sich ab und folgen dabei den Gesetzen ihrer einzelnen Bestandteile. Erstaunlicherweise entstehen dadurch auch immer wieder geometrische Figuren wie Dreieck, Raute oder Quadrat, was unserer Vorstellung einer flüssigen Substanz im Kerngedanken widerspricht. scheinbar versteckten Prozesse werden in die Bilder eingeschrieben, für die Ewigkeit konserviert und sichtbar gemacht. Die Transformation und Bewegung einzelner Farbpartikel lassen sich bei genauem Hinsehen erkennen und beinahe körperlich nachempfinden.Gerade diese Gegensätzlichkeit von Konstruiert-Geplantem und Natürlichem, von Bewegung und Erstarrung, dem beinahe impulsiven Drang der Substanzen und der zurückhaltenden Farbigkeit machen den besonderen Reiz der Werke von Nora Schattauer aus und treten innerhalb der Ausstellung in einen faszinierenden Dialog mit der Videoarbeit von Nico Joana Weber. Bereichert wird die Schau durch eine Rauminstallation von Weber. Aus Südamerika hat sie bunt glasierte Fließen mit vegetabilen Mustern mitgebracht, die sie an Messingketten angebracht, und wie einen Vorhang durch den Raum des F.A.K. Münster gespannt hat. Die Keramikplatten mit ihren starren Motiven geraten beim leisesten Windhauch in Bewegung und erhalten so in gewisser Weise ihr Natürlichkeit zurück.
Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft, das im F.A.K. erworben werden kann. Am 5. Juni um 16 Uhr findet zur Finissage eine Kuratorenführung statt.

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